ESPR & DPP

Aktuelle Erkenntnisse für Unternehmen

Mit der Ecodesign for Sustainable Products Regulation (ESPR) und dem Digital Product Passport verändern sich die Anforderungen an die Textilindustrie grundlegend. Dabei geht es nicht nur um neue Produktanforderungen, sondern auch darum diese künftig mit belastbaren Daten entlang der gesamten Wertschöpfungskette nachzuweisen. 

 

Zwei aktuelle Studien beleuchten diese Transformation aus unterschiedlichen Perspektiven: Die UN zugehörige UNIDO untersucht, wie Unternehmen in Ländern des globalen Südens organisatorisch und digital auf den DPP vorbereitet sind. Eine Studie des Umweltbundesamtes zeigt auf, welche Anforderungen künftig an Textilien und ihre Produktinformationen im DPP gestellt werden könnten.

 

Erkunden Sie hier die Erkenntnisse als Grundlage strategischer Entscheidungen.


UNIDO-Studie: Wo steht die globale Textilindustrie im bezug auf ESPR?

Wie gut Unternehmen tatsächlich auf die Anforderungen des Digital Product Passport vorbereitet sind, wurde bislang vor allem diskutiert. Mit der internationalen Digital Product Passport Readiness Assessment Study der United Nations Industrial Development Organization (UNIDO) liegt eine umfassende Untersuchung vor, die den Vorbereitungsstand der Textilindustrie in sieben bedeutenden Produktionsländern des Globalen Südens systematisch analysiert. Die Studie liefert eine Grundlage, um Chancen, Herausforderungen und Unterstützungsbedarfe entlang globaler Lieferketten besser einordnen zu können.

 

Im Mittelpunkt der Untersuchung standen sechs Themenfelder: Unternehmensstruktur, Lieferketten und Rückverfolgbarkeit, regulatorische Vorbereitung, digitale Infrastruktur, organisatorische Voraussetzungen sowie die Verfügbarkeit nachhaltigkeitsrelevanter Produktdaten.

Ein systematischer Blick auf die Studie

Teilnehmende Firmen und Industry Associations im Überblick, Bildquelle: UNIDO

Die Untersuchung basiert auf einem standardisierten Interviewansatz, der qualitative und quantitative Methoden miteinander verbindet. Um eine möglichst hohe Vergleichbarkeit sicherzustellen, wurden die nationalen Interviewteams im Rahmen eines Train-the-Trainer-Programms einheitlich geschult. Die Datenerhebung erfolgte sowohl virtuell als auch vor Ort und wurde durch mehrere Validierungsschritte abgesichert.

 

Befragt wurden Unternehmen unterschiedlicher Größen entlang der textilen Wertschöpfungskette. Dabei wurden mittelständische Unternehmen bewusst stärker berücksichtigt, da sie häufig als direkte Zulieferer europäischer Marken und Händler agieren und damit besonders von den ESPR-Anforderungen betroffen sind. 

 


Unterschiedliche Unternehmensgrößen und Stufen der Wertschöpfungskette wurden befragt, Bildquelle: UNIDO

ESPR bewusstsein und verständnis

Die Ergebnisse zeigen ein differenziertes Bild. Viele Unternehmen erkennen die Bedeutung des ESPR und sehen darin zunehmend eine zukünftige Marktanforderung. Gleichzeitig unterscheiden sich die Voraussetzungen je nach Unternehmensgröße, Land und Position innerhalb der Wertschöpfungskette teilweise erheblich. 

 

Während Unternehmen in der Türkei bereits ein vergleichsweise hohes Maß an regulatorischem Verständnis aufweisen, besteht in anderen Ländern wie z.B. Bangladesch teilweise noch Informationsbedarf.

 

Ein Ergebnis der Studie ist die Lücke zwischen allgemeiner Aufmerksamkeit und regulatorischem Verständnis. Viele Unternehmen haben bereits von ESPR und Digital Product Passport gehört, verfügen jedoch noch nicht über ausreichend Wissen, um die Anforderungen in konkrete betriebliche Prozesse zu übersetzen.

ESPR Verständnis bei den befragten Unternehmen, Quelle: UNIDO


eu - Export

Der direkte EU-Export ist insbesondere für die Türkei, Ägypten, Bangladesch und auch Indien relevant. In diesen Ländern zeigt sich im Vergleich an anderer Stelle in den Ergebnissen der Studie auch ein höheres Bewusstsein für die aufkommenden regulatorischen Anforderungen.

Vom EU-Export betroffene Unternehmen im Ländervergleich, Bildquelle: UNIDO

Digitalisierung und Datenaustausch im Kontext Dpp

 

In der Erhebung gibt der Großteil der befragten Unternehmen an bereits produktspezifische Daten  z.B. zu Materialzusammensetzung oder  Produkteigenschaften zu teilen. Lediglich in China gibt lediglich die Hälfte der befragten Unternehmen an Daten aktuell bereits zu teilen.

 

An anderer Stelle der Studie zeigen sich deutliche Defizite bei standardisierten Datenformaten und der Interoperabilität zwischen Unternehmen. Zwar werden Produktinformationen bereits vielfach ausgetauscht, häufig jedoch ohne einheitliche Strukturen.

 

Zur DPP Umsetzung befragt, zeigt sich, dass über 50% der Unternehmen planen den Digital Product Passport künftig mit in-house Lösungen umzusetzen. 100% der Micro-Unternehmen geben an, dass sie zur Umsetzung noch unschlüssig sind. 

 

 

 

Die technische Grundlage für den DPP ist vielerorts bereits vorhanden. Die eigentliche Herausforderung liegt künftig in standardisierten Prozessen und einem reibungslosen Datenaustausch entlang der gesamten Lieferkette. 

Vorhandene Prozesse und Absichten zum DPP, Bildquellen: UNIDO

Rückverfolgbarkeit von Materialien

Materialinformationen zu Stoffen und konfektionierter Ware sind laut der befragten Unternehmen überwiegend verfügbar. Auf Faser-Stufe zeigt sich länderabhängig ein gemischtes Bild. Während sich in Indien 73% der Befragten in der Lage sehen Daten zur Materialzusammensetzung auf Faserebene zu geben, sind es in China lediglich 15%.

 

Die Ergebnisse deuten an, dass Rückverfolgbarkeit weniger an der Erfassung einzelner Daten scheitert als an ihrer konsistenten Weitergabe entlang der Wertschöpfungskette.

Informationen zur Materialzusammensetzung von Produkten, Bildquelle: UNIDO

produktspezifische Daten im fokus

Auch bei produktspezifischen Informationen zeigt sich ein gemischtes Bild. Angaben zur Materialzusammensetzung oder klassischen Qualitätsmerkmalen kann die Mehrzahl der Unternehmen bereits bereitstellen.  

 

Deutlich schwieriger gestaltet sich bspw. die Bereitstellung weiterführender Nachhaltigkeitsinformationen und standardisierter Materialdaten zu Recyclingmaterial, die künftig im Rahmen der ESPR an Bedeutung gewinnen werden.

Bereitgestellte Produktparameter nach Unternehmensgröße, Bildquelle: UNIDO

Fazit

Die UNIDO-Studie macht deutlich, dass die Textilindustrie im Globalen Süden den Weg in Richtung Digital Product Passport bereits eingeschlagen hat. Gleichzeitig zeigt sie, dass erfolgreiche DPP-Strategien weit mehr erfordern als technische Lösungen. Regulatorisches Verständnis, Datenqualität, digitale Prozesse und funktionierende Informationsflüsse entlang der gesamten Wertschöpfungskette müssen gemeinsam weiterentwickelt werden. Der Digital Product Passport ist damit weniger ein IT-Projekt als vielmehr ein organisationsübergreifender Transformationsprozess.

 

Hier geht’s zur ganzen UNIDO-Studie

UBA-Impulse für die EU-Ökodesign-Anforderungen

Mit dem 2027 folgenden Digital Product Passport rückt die Frage nach belastbaren Produktdaten für die Textilbranche zunehmend in den Fokus. Eine Studie des Umweltbundesamtes erlaubt einen Vorgeschmack darauf, welche DPP-Anforderungen für Textilien relevant werden könnten – von Haltbarkeit und Reparierbarkeit über Recyclingfähigkeit bis hin zu Informationen über eingesetzte Chemikalien. Für Unternehmen sind diese Kriterien weit mehr als regulatorische Vorgaben: Sie bilden die Grundlage für künftige Produktinformationen, Nachweispflichten und digitale Transparenz entlang der Lieferkette. 

 

Pressemitteilung vom Öko-Institut, 23.02.2026

Wie lassen sich nachhaltige Textilien auf dem europäischen Markt zur Norm machen und insbesondere kurzlebige Produkte vom Markt nehmen? Eine neue Studie des Öko-Instituts, der Hochschule Niederrhein und der Hochschule Hof im Auftrag des Umweltbundesamtes zeigt, wie sich Leistungs- und Informationsanforderungen für Textilien formulieren lassen, die künftig Teil der neuen EU-Ökodesign-Verordnung für nachhaltige Produkte sein könnten.

 

Der Fokus der Studie liegt auf zentralen Produktaspekten wie Haltbarkeit, Reparierbarkeit, Recyclingfähigkeit und Rezyklatanteil sowie auf dem Vorhandensein besorgniserregender Stoffe. Als Beispielprodukte untersuchte das Forschungsteam T-Shirts, Jeans und Funktionsjacken – drei Produkte mit hoher Marktbedeutung und unterschiedlichen Anforderungen.

 

„Unsere Vorschläge zeigen, wie sich Nachhaltigkeitsanforderungen konkret in die Praxis umsetzen lassen. Ziel ist es, nachhaltige Textilien zum Standard zu machen und kurzlebige Massenware Schritt für Schritt vom Markt zu nehmen.“ Beschreibt Katja Moch,  Senior Researcher, Produkte & Stoffströme

haltbarkeit im zentrum

Die Studie zeigt: Haltbarkeit ist das wichtigste Kriterium für die Umweltverträglichkeit von Kleidung. Für die untersuchten Produktbeispiele wurden konkrete und messbare Anforderungen definiert, um diese bewerten zu können. Bei T-Shirts spielen beispielsweise die Formstabilität nach dem Waschen und Trocknen, die Widerstandsfähigkeit des Materials und die Farbechtheit eine Rolle. 

 

Bei Jeans sind neben der Maßänderung beim Waschen – also Einlaufen oder Ausleiern – vor allem die Zugfestigkeit und Dehnbarkeit des Stoffes, seine Widerstandsfähigkeit gegen Abrieb sowie seine Farbechtheit bei Licht und beim Reiben entscheidend. Diese und weitere Aspekte lassen sich mit bestehenden Prüfverfahren ermitteln. 

 

„Haltbarkeit lässt sich gut bewerten, solange sie auf textilspezifischen Eigenschaften beruht. Werden jedoch das Nutzungs- und Pflegeverhalten einbezogen, wird die Bewertung komplexer“, so Prof. Dr. Maike Rabe, Professorin für Textilveredlung und Ökologie an der Hochschule Niederrhein. „Unsere Analyse zeigt, wie wichtig eine differenzierte Betrachtung nach Produkt- und Fasertypen ist.“

Widerstandsfähigkeit gegenüber Trage- und Wascheinwirkunen als zentraler Faktor, Bildquelle: Pexels


Standardisierte Ersatzteile und Reparaturangebote als Schlüssel, Bildquelle: Pexels

Reparaturen fördern

Auch die Reparierbarkeit wurde untersucht. Die Forschenden empfehlen Mindestanforderungen – etwa die Verfügbarkeit von Ersatzteilen wie Reißverschlüssen oder Knöpfen, Reparaturanleitungen und Kooperationen mit Reparaturservices.

 

Für komplexere Produkte wie Funktionsjacken sind darüber hinaus produktspezifische Anforderungen in Form von freiwilligen Gestaltungsleitlinien sinnvoll.


Recyclingfähigkeit und Rezyklatanteil: Vorschläge für klare Vorgaben

Damit Textilien künftig besser recycelt werden können, empfiehlt die Studie unter anderem, Materialmischungen zu begrenzen – beispielsweise auf maximal zwei Fasertypen pro Fläche und einen reduzierten Einsatz von Elastan von fünf bis zehn Prozent. Für T-Shirts und Jeans schlagen die Autor*innen zudem Anteile von aus Faser-zu-Faser-Recycling stammenden Fasern in Neuprodukten vor, zum Beispiel zehn Prozent bei Baumwolle oder drei Prozent bei Polyester. Diese Angaben beruhen auf der Marktverfügbarkeit und nicht nur auf der technischen Machbarkeit. 

 

Zudem weist die Studie aus, welche politischen Rahmenbedingungen für einen verpflichtenden Rezyklatanteil in Textilien geklärt sein müssen, etwa die Nachverfolgbarkeit. 

 

Vorhandensein besorgniserregender Stoffe

Die Studie empfiehlt die Weitergabe von Informationen zu bestimmten chemischen Stoffen, insbesondere zur Gruppe der besonders besorgniserregenden Stoffe (engl.: substances of very high concern, SVHC), aber auch zu sogenannten Effektchemikalien, die auf dem Textil verbleiben. Voraussetzung ist Wissen über Identität, Menge, Eigenschaften sowie Funktion der eingesetzten Chemikalien entlang des gesamten Produktlebenszyklus – vom Design bis zum Endprodukt. Prof. Dr. Anett Matthäi von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hof betont:

 

„Diese Kombination von Informationen ermöglicht es in der technischen Produktentwicklung, Einfluss auf Produktqualität, Langlebigkeit und Recyclingfähigkeit zu nehmen. Eine ausschließliche Weitergabe von Informationen über gefährliche Stoffe wäre im Sinne nachhaltiger Produkte nicht zielführend.“

hintergrund der studie

Die Studie trägt Vorschläge zur Umsetzung der neuen EU-Ökodesign-Verordnung 2024/1781 bei, wie künftig verbindliche Anforderungen an die Nachhaltigkeit von Produkten, darunter Textilien, ermöglicht werden können. Ziel ist die Entwicklung eines delegierten Rechtsaktes der EU für Textilien. Die Ergebnisse fließen in die Kommentierung der europäischen Vorstudie des Joint Research Centre (JRC) der EU-Kommission in den weiteren Gesetzgebungsprozess der EU ein.

 

Hier geht’s zur ganzen Studie.