Ägypten/Baumwolle
Baumwolle der Güteklasse A
Ahlan wa sahlan, entrinnt der Willkommensgruß jeder ägyptischen Kehle beim Erspähen eines Ausländers. Das Trio infernal der ägyptischen Sprache kann kurz mit I B M- inshallah, bukra, malesh zusammengefasst werden. Inshallah, so Gott will, wird sich die Baumwollernte in den nächsten 5 Jahren verdoppeln. bukra bezeichnet alles vom kommenden Tag bis zu einem nicht näher spezifizierten Zeitpunkt in der Zukunft. So werden inshallah bukra die georderten T-Shirts geliefert, aber zum Glück folgt auf jedes bukra ein weiterer Morgen, wenn es heißt malesh (Schicksal, nicht zu ändern, ist mir egal, macht nichts) die Überdeckstichmaschine ist leider schon seit Tagen defekt. Da ist eben Geduld gefordert, am besten mit der Devise mafish muschkella (alles kein Problem), denn das Rad der Zeit im märchenhaften Orient dreht sich scheinbar in allem etwas langsamer.
Ägypten versetzt einen in Schwärmerei, fasziniert von den gigantischen Pyramiden, einem Wüsten-Ausritt bei Vollmond, den vielen Gräbern mit seinen Bildergeschichten, Tempeln aus pharaonischen Zeiten, dem Nil auf dem die Felukas treiben, den kleinen Dörfern der Fellachen, dem Chaos im Straßenverkehr Kairos, der Feilscherei auf dem Khan el Khalili, einer Nacht im Sinai unter dem traumhaften Sternenhimmel am Mosesberg, der schönsten Unterwasserwelt der Korallenriffe im Roten Meer oder einfach nur einem Spaziergang durch eine Mango- oder Baumwollplantage in der Oase Fayoum.
Es gibt kaum eine andere Pflanze, die weitreichendere soziale, politische, wirtschaftlich-industrielle und ökologische Auswirkungen in Anbauländern hat, als die Baumwolle. Weltweit werden in 76 Ländern auf ungefähr 34 Mio. Hektar knapp 19 Mio. Tonnen Baumwolle angebaut, was etwa 47% des Weltfaseranteils entspricht. 65% der Baumwollproduktion erwirtschaften die USA, GUS und China. Weniger als 0,1% der angebauten Baumwolle (ca. 9000 Tonnen) stammen aus kontrolliert biologischem Anbau (kbA).
Kba-Baumwolle wächst in Fruchtfolge und weder synthetische Pestizide (Insektizide, Herbizide, Fungizide) oder Düngemittel noch Wachstumsregulatoren und Entlaubungsmittel finden bei diesem Anbausystem Einsatz. Der Boden, auf dem die Baumwolle angebaut wird, muss über einen Zeitraum von mindestens drei Jahren chemikalienfrei sein und einen Pufferabstand zu konventionellen Feldern besitzen, damit jegliche Kontaminierung mit schädlichen Substanzen ausgeschlossen werden kann. Die Einhaltung der Kriterien des ökologischen Anbaus werden von unabhängigen Organisationen kontrolliert und zertifiziert.
Faserlänge, Faserfeinheit, Reinheit, Reifegrad, Festigkeit, Farbe und Glanz bestimmen die Qualität der Baumwolle und somit auch den Preis im Handel. In der Regel ist die kba-Qualität bis zu 25% teurer, da Bio-Prämien an die Bauern gezahlt werden. Die im ägyptischen Nildelta angebauten Baumwollsorten, wie Karnak Menufi (auch Deltabaumwolle genannt) sowie die Ashmouni-Sorte gehören der botanischen Baumwollart Gossypium barbadense an und sind mit einer Stapellänge bis zu 45 mm die längste Baumwolle mit bester Qualität.
In Ägypten machen Baumwolle und ihre Erzeugnisse etwa die Hälfte des Wertes aller Exportgüter aus, deshalb wird die Kultivierung von der Regierung planwirtschaftlich kontrolliert und gesteuert. Das ägyptische Landwirtschaftsministerium wurde auf die unglaublichen Erfolge der Sekem-Farm aufmerksam, die seit 1978 beim bio-dynamischen Baumwollanbau um 15 bis 20% höhere Erträge als beim konventionellen Anbau erzielen.
Das hatte zur Folge, dass in Ägypten das Ausbringen von Pestiziden mit dem Flugzeug verboten und die Methoden des Bio-Anbaus auf den konventionellen Anbau übertragen wurden. Ergebnis dieser Maßnahme ist, dass auf 400 000 Hektar Baumwolle nach dem IPM-Verfahren (Integrated Pest Management) bewirtschaftet werden, wodurch der Pestizideinsatz in Ägypten um 30 000 Tonnen pro Jahr reduziert werden konnte. Sekem – zu übersetzten mit "lebensspendende Sonnenkraft"- baut heute mit 80 Farmern auf 600 Hektar bio-dyn. Baumwolle an und fertigt daraus in der eigenen Näherei Conytex eine Kollektion, die auch in der Weiterverarbeitung ökologische Standards erfüllt.
Wie viel ein 250g schweres kba-T-Shirt zum Schutz der Umwelt beiträgt, ist kaum einem Verbraucher bewusst. Hess Natur sichert seinen Kunden zu, dass pro T-Shirt 7qm Erde sauber, d.h. chemikalienfrei bleiben. Da der Ertag in Ägypten mit 893 kg/ha Anbaufläche weit über dem durchschnittlichen Ertrag von 556 kg/ha liegt (Ernte 1996/97), reichen sogar 4,5qm Anbaufläche für ein T-Shirt aus, die durch kbA schadstofffrei gehalten werden kann. Für 250g Baumwollfertigprodukt beträgt der Faserinput aufgrund der Verarbeitungsverluste in der textilen Kette ca. 400g Rohbaumwolle bzw. 1100g Saatbaumwolle.
Zum Thema ökologische Baumwolle gibt es inzwischen zahlreiche informative Veröffentlichungen, Netzwerke aber auch Anbauprojekte, Entwicklungen, usw. Fragen Sie bei it fits nach!